Bässe, Ostdeutschland, Stormwasser und Thor Steinar – Hardtekk als identitätsstiftendes Moment für junge Menschen

Hardtekk ist ein Subgenre der elektronischen Musik und spielt vor allem in den ländlichen Regionen der neuen Bundesländer eine beachtliche Rolle für Jugendliche und junge Erwachsene. Der folgende Bericht soll Fachkräften einen Einblick in die jugendliche Lebenswelt des Hardtekk geben. Die Auseinandersetzung mit Hardtekk kann für Fachkräfte ebenfalls im Kontext von Involvierungsprozessen in demokratie- und vielfaltsablehnende bis hin zu neonazistischen Kontexten relevant sein, da sich Teilnehmende auf Szene-Veranstaltungen zum Teil klar selbst als „rechts“ positionieren sowie neonazistische Sticker und Merch häufig Teil der Szene sind. Hierzu bietet der Text eine Möglichkeit an, die Attraktivität von Hardtekk für junge Menschen zu entschlüsseln und distanzierungsermöglichende, sozialpädagogische Verstehens- und Umgangsweisen anhand des KISSeS-Modells [1] (vgl. Möller et al. 2021) zu entwickeln. Der Artikel basiert auf Beobachtungen und Interaktionen in verschiedenen Veranstaltungskontexten der Szene, die im Rahmen einer akademischen Forschungsarbeit durchgeführt und zu Anonymisierungszwecken abgewandelt wurden.

Einblicke in das Szenegeschehen

Die Wände eines alten Industriegebäudes einer Kleinstadt im Raum Sachsens wackeln. Aus dem Inneren des Gebäudes dringt scheppernd ein Beat. Durchdrungen vom Bass klirren die Fenster passend zum Rhythmus. Es ist Wochenende. Die Straßenränder der Hauptstraße, die zum Veranstaltungsort führt, sind in dieser Nacht lückenlos zugeparkt. Auf dem Weg zum Gebäude steigen vereinzelt Teenager aus Autos, die von ihren Eltern zur Veranstaltung gefahren werden.

Eine Jugendliche teilt auf dem Weg zum Gebäude mit ihrer Freundin, dass sie „eigentlich schon wieder gar keinen Bock auf diese Krachmusik hat.“ In ihren anschließenden Ausführungen gibt sie ihrer Frustration darüber Ausdruck, dass es hier in der Gegend aber überhaupt auch nichts anderes, was man mal am Wochenende so machen kann, gäbe. Der Kumpel der beiden unterbricht das Gespräch und fragt, ob sie nächstes Wochenende zum Geburtstag eines Klassenkameraden gehen. Er berichtet, dass er nächstes Wochenende „selbst auf der KORG[2] zocken“ wird und dass der Geburtstag „voll krass wird, weil die ganze Crew von ihm am Start sein wird. – Sprich, verschiedene DJs, die ganze Nacht Mucke und Freisuff.“ Die Mädchen sind sich noch nicht sicher, ob sie kommen werden.

Vor dem Einlass versammelt sich eine wartende Menge. Über selbst mitgebrachte Boxen wird von einer Gruppe junger Erwachsener, die ebenfalls auf den Einlass warten, ein eindringlicher Beat abgespielt, die repetitiv, schrill ertönende „Kick“ steht charakteristisch für das Genre Hardtekk. Währenddessen wird ein Joint gruppenübergreifend umhergereicht. Die vereinzelten Menschen in der wartenden Traube sind eher dunkel gekleidet, vereinzelt blitzen Anglerhüte in grün mit Froschgesicht oder schwarz mit der Aufschrift „Ostdeutschland“ auf. Auf manchen Köpfen befinden sich farbenfrohe Einhorn- oder Pikachu-Stoffmützen. Die Shirts bilden hin und wieder Aufdrucke bekannter DJs der Szene ab. Relativ häufig sind ebenfalls Shirts von der Marke Fred Perry oder Lonsdale zu erkennen. Die Brust zweier Jugendlicher, die schräg neben der Gruppe junger Erwachsener stehen, wird durch den Bundesadler, um den die Aufschrift „Heimatliebe“ prangt, geziert. Auch ein Shirt mit der Aufschrift „Division Thüringen“[3] ist zu erkennen. Weiter am Ende der Schlange steht ein Mann im Simson-Shirt.

Ein Security-Mann winkt nacheinander die Gäste durch. Die Wartenden sind vorfreudig. Die Location ist in dieser Wochenendnacht fast ausverkauft. Auf den Tanzflächen stehen Menschen, meist Männer, eng beieinander. Sie schauen hypnotisiert zum DJ, nicken ihren Kopf passend zum Beat, vereinzelte Zuhörende „hakken“, was einen ausdrucksstarken Tanzstil beschreibt, der durch wechselndes Hüpfen zwischen Hacken und Zehenspritzen beider Füße gekennzeichnet ist.

Das Strobolicht flackert in grellem Weiß und lässt die einzelnen Menschen nur schemenhaft erkennen. Die „Kick“ durchdringt nicht nur die fast schon anonyme Atmosphäre des Raums, sondern auch die Körper, die sich in ihm befinden und lässt diese bis ins Mark erschüttern. Die Luftfeuchtigkeit ist in dieser Nacht auf den Tanzflächen durch die Dichte an Körpern sehr hoch, sodass an den Wänden, der Decke und dem Boden der Schweiß klebt. An einer Stelle der Wand, etwas höher als Augenhöhe, prangt ein Sticker mit Reichsflagge, in der Mitte eine schwarze Sonne. Die abgeknibbelten Ecken lassen vermuten, dass einige Partygäste bereits versucht haben, diesen zu entfernen. Die hohe Temperatur im Raum führt dazu, dass manche Männer nur noch oberkörperfrei mit einem kleinen Handtuch um die Schultern im Raum stehen. Elektrisierend setzt ein neuer Song ein.

Später am Abend legt ein weiterer DJ auf. In seinen Sets und Songs werden Bezüge zu Ostdeutschland hergestellt, eingebettet in Aufrufe zu exzessivem Konsum von Alkohol und chemischen Substanzen. Aus der Menschenmenge gehen vereinzelt bejahende Schreie, welche wie euphorische Zustimmung wirken, hervor – vor allem dann, wenn der Beat einsetzt. Der Bass durchdringt vibrierend den Raum. Im Mithüpfen und Wippen berühren sich vereinzelte Körper. Das Strobolicht macht Interaktion auf der Tanzfläche fast unmöglich. In der Menge blitzt ein Basecap mit dem Aufdruck „444“ auf. Ob diese Abkürzung für den rechtsextremen Code „DDD – Deutschland den Deutschen“ steht, kann vermutet werden.

Die Menge schreit begeistert einzelne Lines der Songs mit. In einer kurzen Pause zwischen den Texten wird von Einzelnen in der Menge der Ausruf „Ost-Ost-Ostdeutschland“ angestimmt, entstanden in der Fankurve Dynamo Dresdens. So ziemlich alle Anwesenden setzen bei diesen Worten mit in das Rufen ein. Zumindest lässt die Partybeleuchtung keine Lippe erkennen, die den Slogan in diesem Moment nicht mitbrüllt.

Der letzte Ton des Sets erklingt. Die Menge jubelt, applaudiert. Eine erschöpfte Freundesgruppe drängt sich an die Bar. Sie kommen mit zwei Personen hinter ihnen ins Gespräch. „Woher kommt ihr?“, fragt einer der Freunde. „Aus dem Westen“, antwortet einer der beiden. „Als ich das erste Mal auf einer Tekkveranstaltung war, habe ich mich damals schon gefragt, ob die jetzt hier was gegen Wessis haben“, teilt er im weiteren Gespräch und fügt hinzu: „Aber die Musik ist so geil, ich musste einfach wieder kommen.“ Die Fusion beider Gruppen ist sich einig: Hardtekk ist das beste Ventil, um Abstand zum Alltag zu gewinnen und die unangenehmen Dinge im Leben mal zu vergessen. In der Dunkelheit des Floors, so sagt einer aus der Gruppe, findet er ein Gefühl von Freiheit für sich und dadurch die Möglichkeit, in eine andere Welt einzutauchen. Dabei unterhalten sie sich ebenfalls über die affektive Komponente der Musik und beschreiben diese als „elektrisierendes Gefühl im Bauch“ oder „angenehmen Druck im Körper.“ Das Gespräch endet, als sie mit ihrer Bestellung an der Reihe sind: „Zwei Stormwasser, ein Mixery und drei Bier bitte.“ Stormwasser ist Mineralwasser mit Koffein.

Weiter auf dem anderen Floor spielt gerade ein DJ-Duo. Die Menschen in der Menge tanzen für sich und schreien ab und zu die Refrains der bekanntesten Samples der Artists mit. Ein Song, welcher im Set der beiden mit eingebaut ist, ist „Rasenschach“ von Filow. Am Refrain angekommen, schreien vereinzelte den Text: „Wir töten alle Nazis und ihr Hakenkreuz.“ Während des Sets steht ein Mann in Thor Steinar T-Shirt mit in der Menge. Thor Steinar ist eine Klamottenmarke, die vor allem in der Szene der Neonazis weit verbreitet ist.[4]

Vor den Toiletten steht dagegen eine kleine Gruppe aus FLINTA[5]-Personen. Sie besprechen ihre kürzlich erlebte Festivalerfahrung, bei welcher der Fokus des Line-Up ebenfalls auf Hardtekk liegt. In ihrer Beschreibung wird die Aufmachung des Campingplatzes bildlich. Besonders einprägsam ist ihre Darstellung des Campingplatzes als Flaggenmeer. Sie sind immer noch aufgebracht davon, denn neben unzähligen Deutschlandflaggen, ein paar Bayernflaggen, einer DDR-Flagge, einer Flagge der Freien Sachsen und einer AfD-Flagge, wurde das Hissen ihrer Pride-Flagge von Mitcampern eher negativ aufgefasst. Sie sprechen darüber, wie sie mehrfach pöbelig durch junge Männer zur Abnahme aufgefordert wurden. Dadurch entschieden sie sich schlussendlich tatsächlich dazu, die Flagge sicherheitshalber abzunehmen, wohingegen der Rest der Flaggen die gesamte Festivalzeit über hängenblieb.

Endlich angekommen auf der Toilette. Die Toiletten sind Unisexklos. In verschiedenen Toilettenkabinen verteilt befinden sich, neben klassischen Tags wie „F+R= friends forever“ oder Tags zu Aufrufen zum Konsum von Crystal Meth („übelzzzt Crystal krachen“), ebenfalls rechtspositionierte bis neonazistische Botschaften. In einer der Kabinen ist ein Hakenkreuz getaggt, an anderer Stelle steht ein „lnk bxn“ (Abkürzung steht für „Linke boxen“) und in einer anderen ziert ein Aufkleber mit den Worten „Weiß ist bunt genug“ den Türrahmen. Ähnliche Inhalte spiegeln sich auch auf den Aufdrucken mancher T-Shirts wider. So ziert eine Brust die Aufschrift „Panzerschokolade“ umrahmt von schwarz-weiß-roter Ästhetik der Reichsflagge und eine weitere ist mit den Worten „Wehrmacht wieder mit?“ beschriftet. Innerhalb der aufgedruckten Frage des T-Shirts befindet sich das Abbild eines Wehrmachtsoldaten.

Es ist mittlerweile 03:34 Uhr. Es wird eine letzte Runde getanzt und anschließend geht’s zurück zum Auto. Auf der Rückfahrt erzählt ein junger Mann der Gruppe, dass Tekk für ihn Teil seiner Wochenendroutine ist. Neben der „unbeschreiblichen“ Musik liebt er das brüderliche Gefühl, was er auf Veranstaltungen erlebt: „Irgendwie ist das so diese Ostkultur. Werte des Teilens und des Miteinanders – das, was uns unsere Eltern mitgegeben haben, werden weitergelebt.“ Dennoch fragt sich sein Kumpel, ob die Zugehörigkeit nicht auch dadurch mitbestimmt ist, dass der Großteil der Partyteilnehmer weiß ist. Rechtsextreme Symbolik nehmen sie in der Szene nur vereinzelt wahr, aber „schwarze Schafe gibt es ja immer überall“, sagt sein Kumpel.

Ein neues Tekkset erklingt über die Autolautsprecher. Über die Landstraße geht’s nach Hause.

Erfahrungsdimensionen und politische Komponenten

Im folgenden Abschnitt wird der Fokus konkret auf Erfahrungsdimensionen und politische Komponenten der Szene gelegt, da politische Ausdrücke und Statements beobachtet wurden, welche auf verschiedenen Ablehnungshaltungen und demokratie- und vielfaltsablehnende Einstellungen schließen lassen. Diese sollen mithilfe der KISSeS-Strategie[6] (vgl. Möller et al. 2021) sozialpädagogisch eingeordnet werden. Das KISSeS-Modell dient dazu, den Zusammenhang „zwischen Ablehnungshaltungen und Lebensgestaltungserfahrungen [offenzulegen]“ (ebd.: 5). Damit lässt sich strategisch nachvollziehen, wie bestimmte Erfahrungen die Entstehung von Ablehnungshaltungen begünstigen können und welche Funktionen ihnen zukommen. Daraus ableitend können strategische sozialpädagogische Interventionen geplant und durchgeführt werden.

Hardtekk wird als Musikgenre durch schnelle Beats und harte, repetitive Bässe ausgezeichnet.[7] Die Ästhetik der Szene ist eher schlicht und dunkel gehalten. Dazu kommen vereinzelt selbstironisch und humorvoll wirkende Komponenten wie Hüte und Verkleidungen. Auf den Veranstaltungen wird durch den eher harten Charakter der Musik in Kombination mit teilweise aggressivem Strobolicht eine intensive, affektive Körpererfahrung kreiert (Sinnlichkeit). Am Wochenende mit seiner Freund*innengruppe unterwegs zu sein, vor allem in ländlichen Regionen mit wenig Angeboten bzw. Räumen für junge Menschen, kann jungen Menschen im Teenageralter Gefühle von Selbstwirksamkeit (Kontrolle), Gemeinschaft und Zugehörigkeit (Integration) sowie Autonomie (Sinn) vermitteln. Neben dem Spaß, der mit der Freund*innengruppe erlebt werden kann, wird die Intensität der Musik von vielen Partyteilnehmenden als perfekter Ausgleich zum stressigen Alltag beschrieben. Zudem gibt es einige Menschen, die neben den offiziellen Veranstaltungen ebenfalls selbst Tekk produzieren und für Freund*innen auflegen, was ebenfalls Erfahrungen von Selbstwirksamkeit (Kontrolle) und Identität und Sinn (Sinn) ermöglicht.

Neben der Musik und der allgemeinen Szeneästhetik bilden politische Symbole jedoch einen wiederkehrenden Aspekt innerhalb von Veranstaltungen der Szene. Auch wenn die Veranstaltungen oftmals von Teilnehmenden als unpolitisch wahrgenommen werden, lässt sich auf Basis der vorgenommenen Beobachtungen die These aufstellen, dass politische Botschaften, Haltungen und Symbole mindestens aufgrund ihrer (großteils unwidersprochenen) Präsenz für junge Menschen eine Rolle spielen und somit ihre Lebenswelt beeinflussen, möglicherweise aber auch zur Förderung von Gruppen- und Identitätsprozessen in der Szene führen.

Als erstes Beispiel für politische Statements sind hierfür die auf dem Festival gehissten Flaggen zu benennen. Die gehisste Bayernflagge, die DDR-Flagge und die vielen Deutschlandflaggen können objektiv als lokalpatriotisches Statement der Zugehörigkeit und Heimatverbundenheit interpretiert werden. Dieser Ausdruck von Verbundenheit findet sich ebenfalls in getragenen Shirts mit dem Aufdruck „Heimatliebe“ wieder. Durch das offene Hissen der Flagge der Freien Sachsen und der AfD-Flagge werden innerhalb der Szene auch autoritäre, völkisch-nationalistische Positionen sichtbar gemacht, wohingegen die Pride-Flagge als Symbol für Vielfalt und Demokratie offensichtlich unerwünscht ist. Bei der FLINTA-Gruppe hinterlässt dies damit Ohnmachts- und Desintegrationserfahrungen. Flaggen als Symbole kreieren, neben der Förderung von Zugehörigkeits- und Identitätsprozessen, ebenfalls eine Sinnerfahrung. Durch das Hissen von Flaggen erfolgt zudem eine politische Positionierung in einem größeren Kontext, was Erfahrungen von Kontrolle bedeuten kann. Gleichzeitig werden durch diese dominante Positionierung Ausschlüsse produziert, was bei Menschen, die hier nicht mitgemeint sind und andere Positionen vertreten, eher Erfahrungen von Ohnmacht und Desintegration auslöst.

Als zweites identitätsstiftendes Merkmal der Szene auf politischer Ebene ist die Bezugnahme auf Ostdeutschland zu benennen. Um dieses Phänomen genauer betrachten zu können, ist es zunächst wichtig, die Entstehung des Genres zu kontextualisieren. Hardtekk ist um die 2000er Jahre in den neuen Bundesländern entstanden[8] und spielt daher schon länger eine tragende subkulturelle Rolle in ländlichen Regionen der neuen Bundesländer. Durch die Vermischungen der Genres Tekk und Rap kam es dann im weiteren Verlauf durch einzelne Künstler[9] zum expliziten Benennen von Unterschieden zwischen Ost und West, einer aktiven Abgrenzung gegenüber Westdeutschen und dem eigenen Ausdruck ostdeutscher Identität. Diese wird in einzelnen Songs über Trinkfestigkeit und die Fähigkeit, grenzenlos chemische Substanzen konsumieren zu können, definiert; gleichzeitig wird der Osten häufig als Ort ohne Perspektive dargestellt. Gemeinsam auf einer Tekkveranstaltung in der Menge zu stehen und „Ost-Ost-Ostdeutschland“ zu brüllen, kreiert in Kombination mit den oben benannten Songinhalten zu ostdeutscher Identität eine gemeinschaftliche Rebellion gegen gesellschaftliche Abwertungsmechanismen gegenüber Ostdeutschland (Kontrolle und Sinn). In Gesprächen über die eigene ostdeutsche Identität positionieren sich Teilnehmende offen als rechts, andere grenzen sich von rechts ab und wieder andere lesen diese Veranstaltungen als Raum, in dem Politik keine Rolle spielt oder zumindest nicht spielen sollte. Politische Ausdeutungen von ostdeutscher Identität bleiben bei den Teilnehmenden damit mindestens ambivalent. Neben der politischen Positionierung beschreiben Teilnehmende die Szene als Gemeinschaft, in der „man füreinander da ist“. Vereinzelt wird das Gemeinschaftsgefühl auf Veranstaltungen von Feiernden in mitgegebenen Werten der Eltern durch die Sozialisation in der DDR begründet. Diese Identifizierung mit Ostdeutschland sowie der „Heimat“ erzeugen Erfahrungen von Zugehörigkeit (Integration) sowie Sinn. Für Menschen, die sich selbst nicht als ostdeutsch sehen und neu in der Szene sind, ist das Vorkommen ostdeutscher Symbolik und Rhetorik vermutlich eher eine abstrakte Szenerepräsentation.

Als drittes politisches Beispiel, welches während der Beobachtungen ebenfalls auffällig wurde, ist das vermehrte Vorkommen von „rechten“ bis neonazistischen Codes. Durch die Verwendung der Codes wird der Raum damit mitgestaltet und verheißen damit Identifikation und Gemeinschaft. PAKOs und neonazistische Haltungen lassen sich bei einzelnen Szenemitgliedern anhand der Sticker und T-Shirts vermuten. Ebenfalls sind bereits vereinzelt DJs der Szene durch das Teilen rechter bis neonazistischer Botschaften auffällig geworden. In einer Interaktion mit einer Freundesgruppe gesteht eine junge Teenagerin, dass sie Hakenkreuze oft aus Spaß taggt. Sie verdeutlicht, dass sie das „nicht unbedingt böse meint“. In der Situation wirkt es wie ein Mechanismus, um der Härte der Musik provokativ standhalten zu können und zugleich eine Reaktion bei ihren männlichen Freunden auszulösen, was möglicherweise zum Ziel hatte Gruppenzugehörigkeitsprozesse zu fördern.

Im Kontrast dazu berichtet ein weiterer Szenegänger ebenfalls von einer gewissen Aggressivität und Gewaltbereitschaft einzelner, von ihm als ‚rechts‘ gelesener Partyteilnehmer. Auf Partys „Stress zu suchen“ kann Erfahrungen von Kontrolle erzielen, während Gewaltbetroffene zunächst Ohnmacht erfahren. Ebenso kann das Verwenden und Tragen von Stickern und T-Shirts mit neonazistischen Botschaften bei den Träger*innen Kontrollerfahrungen, bei Betroffenen Ohnmachtserfahrungen fördern, da auf diese Weise vermittelt wird, wer erwünscht ist und wer nicht.[10]

Pädagogisches Verstehen

Durch das Vorhanden-Sein demokratie- und vielfaltsablehnender, autoritärer und völkisch-nationalistischer Codes und Symbole, Flaggen von Parteien und die lokalpatriotischen Botschaften, kann vermutet werden, dass Besucher*innen dieser Veranstaltungen durch die benannten politischen Inhalte und Einstellungen beeinflusst sind. Dieser Einfluss kann vom Tolerieren oder (stillen) Akzeptieren benannter Positionen bis hin zu aktiver Unterstützung und Teilen eingeschätzt werden. Diese Hypothese ist jedoch genau zu überprüfen, da auch bereits oben gezeigt wurde, dass politische Ausdeutungen der Szene ambivalent sind und nicht pauschal gesagt werden kann, dass jede Person, die Tekk hört, diese ausgrenzenden Ideologien befürwortet. Um junge Menschen sozialpädagogisch in ihrem Aufwachsen begleiten zu können, kann die KISSeS-Strategie eine systematische Bearbeitung anbieten. Dafür ist es von zentraler Bedeutung die Lebenswelt von jungen Menschen zu verstehen, sich einzudenken, und den subjektiven Sinn dahinter zu verstehen.

Im Falle der Lebenswelt Hardtekk bedeutet diese Perspektive, dass zunächst nachvollzogen werden muss, welche Rolle Tekk im Alltagsleben von jungen Menschen spielt. Und hier interessiert insbesondere, welche Erfahrungen gemacht werden und welche Funktionen diese für die junge Person erfüllen. Diese Erkenntnisse helfen bei einer sozialpädagogischen Begleitung von jungen Menschen, um angemessen darauf reagieren zu können und um in eine strategische Planung zu gehen, welche (Gegen-)Erfahrungen jungen Menschen im pädagogischen Setting ermöglicht werden sollen.

In der Auseinandersetzung mit der Bedeutung von ostdeutscher Identität bei Jugendlichen ist es ebenfalls wichtig, diese zunächst als Lebensrealität der Jugendlichen anzusehen, da sie sich aus einem Komplex verschiedener Erfahrungswerte konstituiert und als unabhängig von der DDR betrachtet werden kann.

Literatur:

Möller, Kurt/ Nolde, Kai/ Feder, Johanna/ Dietrich, Kai/ Liedke, Simone (2021): Erfahrungsräume öffnen – Demokratie gestalten. Die KISSeS-Strategie in der Praxis. Esslingen.


[1] Mehr Informationen zur KISSeS-Strategie findet sich online. URL: https://prodis.agjf-sachsen.de/handreichung/

[2] KORG ist eine Marke für Synthesizer.

[3] Siehe hierzu die Ausführungen zur Verwendung und Bedeutung der BPB, Online unter: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/255988/vom-nazi-skinhead-zum-nipster-rechtsextreme-jugendkulturen-im-wandel/

[4] https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500816/thor-steinar/, zuletzt aufgerufen am 21.09.2026, 09:41 Uhr

[5] FLINTA abgekürzt für: Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nicht-binäre, Transgeschlechtliche und Agender-Personen

[6]  „KISSeS“ beschreibt Erfahrungen von Kontrolle, Integration, Sinnlichkeit, Sinn sowie erfahrungsstrukturierende Repräsentationen und Sozial- und Selbstkompetenzen. Mehr Informationen zur KISSeS-Strategie findet sich online. URL: https://prodis.agjf-sachsen.de/handreichung/

[7] https://www.hardtekk-germany.de/hardtekk-definition/, zuletzt aufgerufen am 21.09.2021, 09:52 Uhr

[8] https://www.hardtekk-germany.de/hardtekk-definition/, zuletzt aufgerufen am 21.09.2021, 09:52 Uhr

[9] Die maskuline Form wurde bewusst gewählt, da die Hardtekk-Szene sehr männlich besetzt ist.

[10] Hier zeigt sich gut, dass junge Menschen nicht einfach als die ‚Opfer‘ ihrer Erfahrungen zu sehen sind, sondern Erfahrungen zum Teil auch gezielt suchen.